Teil II: Beginn und Aufstieg der Volksläufe
In Bobingen und Bad Hersfeld fing es an
Die Zeit für eine Neubelebung des Laufsportes war zur Mitte der sechziger Jahre einfach gekommen. Auf lokaler Ebene war „der Acker diesbezüglich bestens bestellt“. Doch oben in den Verbänden sah man das leider nicht so positiv.
So waren es keine Offiziellen aus den Chefetagen der Leichtathletikverbände, welche den Volkslauf ins Leben riefen, sondern zwei engagierten Laufenthusiasten: Otto Hosse und Herwig Leitner aus Bobingen Sie schufen 1963 mit ihrem ersten Volkslauf in Bobingen den Durchführungsmodus zum heute immer noch bestehenden Volkslaufkonzept: Gleiche Strecke für alle, jedem Finisher eine Medaille, und jeder Altersklasse ihre Sieger. Nach dem erfolgreichen VL-Auftakt in Bobingen kam es 1964 unter der Regie von Walter Gelke zu einer Folgeveranstaltung in Bad Hersfeld, die sich der Bremer Laufsportfan Heinz Spieß zum Vorbild für einen ersten Volkslauf im Norden der Republik nahm. So reisten im Spätsommer 1966 die norddeutschen Läufer nach Bremen zu einem Volkslauf auf den Weserdeichen. Vier Läufer aus Lippe waren dabei, als am Vormittag des der erste „Volkslauf-Zehner“ gestartet wurde. Die Ostwestfalen waren begeistert.
Taschentuch mit Knoten und Filzhut
Die Ausweitung des vormittägigen Bremer Volkslaufes auf das am Nachmittag stattfindende Volksgehen sahen die lippischen Läufer anfänglich eher als ein Happening an.
„Volksgehen – welch eine beknackte Wortschöpfung“, lästerte man.
Doch aus dem allgemeinen Gelächter kam dann sehr bald der Gedanke:
Wenn wir nun schon mal in Bremen sind, dann machen wir da natürlich mit.
Die Geher waren damals eher belächelte Exoten der Leichtathletik, die man in den Olympiabüchern meistens mit auf dem Kopf verknoteten Taschentüchern (- zum Sonnenschutz –) abgebildet sah.
Trotz ihrer Lästerei über die Wortschöpfung
„Volksgehen“ beschlossen die lippischen Langstreckenläufer also, sich – mehr oder weniger ernsthaft – der Sportart Gehen zu stellen und begannen ihre Vorbereitungen für ihr erstes Volksgehen mit dem Basteln des unerlässlichen Taschentuches und den vier Knoten darin. Nur der Distelbrucher Junglehrer Harald Meierjohann, der damals schon ein begeisterter Bergwanderer war, beschloss, sein erstes Volksgehen mit einem Filzhut aus dem Loisachtal zu bestreiten.
Bis zur Hälfte der Distanz war das Bremer Volksgehen für die Lipper eher das angedachte Happening. Dann aber brach plötzlich der Ehrgeiz aus. Taschentücher, Hüte und sonstige Utensilien flogen in die Mülltonnen, und dann wurde eisenhart geknüppelt… getreu der damals offiziellen Regel 64 der Deutschen Leichtathletikordnung für das sportliche Gehen. So kamen einige durch eine sehr schnelle zweite Hälfte der Zehnkilometerdistanz noch ziemlich weit nach vorn bis ins Spitzenfeld des Bremer Volksgehens.